7 Mythen über das Thema Bodenarbeit
Bodenarbeit ist ein vielfältiger Bestandteil des Pferdetrainings und wird in ganz unterschiedlichen Formen praktiziert. Dennoch wird ihr Potenzial häufig unterschätzt, da sie oft vor allem mit einzelnen Übungen wie Longieren oder dem Führen am Strick in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich umfasst Bodenarbeit eine große Bandbreite an Methoden und Trainingsansätzen. Sie kann dazu beitragen, Kommunikation, Koordination und Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd zu fördern und bietet Pferden unterschiedlicher Alters- und Trainingsstufen zahlreiche Möglichkeiten zur körperlichen und mentalen Beschäftigung. In diesem Artikel räumen wir mit einigen der häufigsten Mythen rund um das Thema Bodenarbeit auf.
Mythos 1: Bodenarbeit bedeutet nur Longieren
Viele verbinden Bodenarbeit ausschließlich Kreisen an der Longe. Tatsächlich umfasst sie jedoch sehr vielschichtig und auch gesundheitsorientiertes Longieren ist weit mehr als bloßes Kreislaufen: Richtig ausgeführt stellt es eine komplexe und wertvolle Trainingsform dar. Von einfachen Übergängen über Stangenarbeit bis hin zu anspruchsvolleren Übungen bietet das Longieren zahlreiche Möglichkeiten, Training abwechslungsreich zu gestalten und Pferd sowie Mensch weiterzuentwickeln.
Mythos 2: Bodenarbeit ist langweilig
Bodenarbeit kann spannend, kreativ und abwechslungsreich sein. Sie fördert Konzentration, Balance und Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Dabei umfasst sie alle Disziplinen und Methoden, die vom Boden aus mit dem Pferd durchgeführt werden. Dazu zählen unter anderem Longen- und Doppellongentraining, klassische Handarbeit, Konzepte wie die 7 Spiele nach Parelli, Tellington-Training, Clicker- und Medical Training, Agility mit dem Pferd, Horse Enrichment mit Elementen wie Farb- und Geruchstraining, Freiarbeit, Zirkuslektionen und Vieles mehr. Auch körperorientierte Ansätze wie Massagegriffe, Körperbänder, propriozeptives Training auf instabilen Untergründen wie Wippen oder Balance-Pads sowie neuere Methoden wie Faszientraining gehören dazu. So entsteht eine große Vielfalt an Möglichkeiten, die sich miteinander kombinieren lassen und immer neue Trainingsansätze für Pferd und Mensch bieten.
Mythos 3: Freiheitsdressur = 100% Vertrauen des Pferdes
Freiheitsdressur wird häufig als Ausdruck eines besonders hohen Vertrauens zwischen Pferd und Mensch wahrgenommen. Sie kann ein Zeichen für eine gute Beziehung und gelungene Kommunikation sein, muss dies jedoch nicht zwangsläufig. Im Idealfall entsteht Freiarbeit aus klarer Kommunikation, partnerschaftlicher Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen.
Wie bei jeder Trainingsform basiert auch Freiheitsdressur auf erlernten Abläufen und wiederholtem Training. Viele Pferde zeigen dabei beeindruckende Lektionen und Programme, die für Zuschauer sehr harmonisch wirken. Leider können sich hinter den Kulissen aber ganz andere Szenen abspielen, die diesem Bild nicht entsprechen.
Mythos 4: Man muss immer der „Chef“ sein
Bodenarbeit basiert nicht auf Dominanz oder Macht, sondern auf klarer Kommunikation durch passende Körpersprache und gegenseitigem Vertrauen. Ein gutes Timing, eindeutige Signale und konsequentes, aber respektvolles Training sind entscheidend.
Pferde sollen aktiv ins Training eingebunden werden und lernen, mitzudenken, statt nur Befehle auszuführen. Dabei bleibt die Persönlichkeit des Pferdes erhalten: Stärken können gefördert und Schwächen gezielt unterstützt werden. Dies gelingt nicht durch Druck oder Angst, sondern durch verständliches Erklären, passende Belohnung und konsequentes Üben.
Mythos 5: Bodenarbeit ist nur für Jungpferde
Jeder Pferdetyp, egal in welcher Lebensphase, kann von Bodenarbeit profitieren. Junge Pferde profitieren besonders, da sie Schritt für Schritt auf das Leben als Reitpferd vorbereitet werden und schonend an Arbeit, Hilfen und verschiedene Materialien gewöhnt werden können. Auch älteren Pferden tut es gut, sei es als Ausgleich zum Reiten, zum Muskelaufbau nach Krankheit oder als Fitness im fortgeschrittenen Alter. Bodenarbeit bietet zudem eine hervorragende Möglichkeit, das Pferd auch mental zu fördern und auszulasten. Bei akuten oder chronischen Erkrankungen sollte natürlich ein Tierarzt konsultiert werden sollte, um zu prüfen, welche Übungen sinnvoll und machbar sind.
Mythos 6: Bodenarbeit ist kein Training
Im Gegenteil: Bodenarbeit ist ein hochwirksames Training für Balance, Koordination, Muskelaufbau und mentale Aufmerksamkeit – sie kann sowohl körperlich als auch mental sehr anstrengend sein. Viele Übungen aus dem Reiten lassen sich auf den Boden übertragen, sodass die Einheiten anspruchsvoll gestaltet werden können. Zwar werden dabei nicht die gleichen Distanzen zurückgelegt wie im Sattel; dennoch ist Bodenarbeit sehr effektiv. Auch für den Menschen kann Bodenarbeit anspruchsvoll sein, da viele Techniken komplexes Timing, Koordination und viel Konzentration erfordern.
Mythos 7: Bodenarbeit ist nur für Menschen, die Angst vor dem Reiten haben
Bodenarbeit ist für alle Pferdefreunde sinnvoll – egal ob Anfänger, erfahrene Reiter oder Profis. Sie ersetzt das Reiten nicht, sondern ergänzt es und bildet eine stabile Basis dafür. Für ängstliche Reiter bietet sie zudem eine wertvolle Möglichkeit, das Pferd auf eine andere Weise kennenzulernen, Vertrauen aufzubauen und schrittweise wieder Mut zum Aufsitzen zu finden. Gleichzeitig gibt es Menschen, die kein Interesse am Reiten haben, aber in der Bodenarbeit sehr motiviert und engagiert sind oder Pferde besitzen, die aufgrund von Größe oder körperlichen Einschränkungen nicht geritten werden können. Bodenarbeit ermöglicht es in all diesen Fällen, das Pferd sowohl mental als körperlich gesund zu erhalten ohne auf das Training zu verzichten.
Fazit:
Bodenarbeit ist weder langweilig noch nur ein „Ersatz“ fürs Reiten. Sie ist ein wertvolles Werkzeug, um Kommunikation, Vertrauen und Fitness zu fördern. Wer sie regelmäßig und kreativ einsetzt, entdeckt immer wieder neue Facetten und erlebt sein Pferd aus einer ganz anderen Perspektive. Faires Training, basierend auf der Verstärkung von Erfolgen, ordentliches Timing, klare Kommunikation, Geduld und Respekt, sind dabei der Schlüssel zum Erfolg.
Autorin: Lynn Kirsch http://www.soleiftri.com


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