Im Umgang mit Pferden fällt häufig der Begriff „artgerechte Haltung“. Gemeint ist damit eine Form der Haltung, die sich an den natürlichen Bedürfnissen der Tierart Pferd orientiert: Sicherheit, Komfort, Bewegung, Sozialkontakt, Futter und Wasser, frische Luft und Tageslicht.
Doch so wichtig dieser Ansatz ist, stellt sich in der Praxis eine entscheidende Frage:
Reicht es aus, sich ausschließlich an der „Art“ zu orientieren – oder sollten wir das einzelne Tier stärker in den Fokus stellen?
Artgerecht ist nicht immer gleich tiergerecht
„Artgerecht“ beschreibt ein allgemeines Ideal. Pferde sind Lauftiere, Herdentiere und Dauerfuttersucher – daraus ergeben sich klare Grundanforderungen an Haltung und Umgang.
In der Realität begegnen wir jedoch Individuen:
Pferde mit Vorgeschichte, mit gesundheitlichen Einschränkungen, mit besonderen Erfahrungen oder Charaktereigenschaften.
Beispiele:
- Ein älteres oder sehr rangniedriges Pferd kann zum Beispiel in einer großen Gruppe schnell unter Stress geraten. In solchen Fällen kann eine Kombination aus Boxenhaltung und täglicher Gruppenhaltung eine sinnvolle Lösung sein: Das Pferd hat Sozialkontakt und Bewegung, kann aber nachts in Ruhe fressen und schlafen.
- Auch beim Futter zeigt sich, wie wichtig Individualität ist: Ein leichtfuttriges Pferd profitiert oft von einer angepassten Gruppe oder einem entsprechenden Fütterungsmanagement, während ein schwerfuttriges Pferd möglicherweise freien Zugang zu Heu benötigt.
In solchen Fällen kann eine streng „artgerechte“ Haltung sogar gegen das Wohl des einzelnen Pferdes arbeiten.
Tiergerecht bedeutet: individuell denken
„Tiergerecht“ geht einen Schritt weiter. Es bedeutet, die allgemeinen Bedürfnisse der Pferde zu kennen – und sie auf das einzelne Tier angepasst umzusetzen.
Das kann bedeuten:
- kleinere oder stabilere Gruppen
- angepasstes Stallmanagement und Fütterung
- mehr Ruhebereiche oder geschützte Rückzugsorte
- individuelle Trainings- oder Umgangsformen
Ziel ist nicht, von den Bedürfnissen der Art abzuweichen – sondern sie so umzusetzen, dass sie für genau dieses Pferd wirklich passen.
Keine Ausrede für schlechte Haltung
Es ist wichtig zu betonen, dass der Begriff „tiergerecht“ nicht als Rechtfertigung für mangelhafte, für den Menschen bequeme oder tierschutzwidrige Haltung verwendet werden darf.
Die Grundbedürfnisse des Pferdes sind unverhandelbar, da sie sein Überleben und ein grundlegendes Wohlbefinden sichern:
- Sicherheit (Herdenleben, sichere Umgebung)
- Komfort (geeignete Liege-, Ruhe- und Scheuermöglichkeiten)
- Ausreichend Bewegung (genügend Platz, der zur Bewegung anregt)
- Sozialkontakt (Interaktion mit Artgenossen)
- Zugang zu Futter und Wasser (in ausreichender Menge und guter Qualität)
- Frische Luft
- Tageslicht
Diese Grundlagen müssen jederzeit gewährleistet sein und dürfen nicht unterschritten werden.
Der tiergerechte Ansatz hat zum Ziel, über diese Grundbedürfnisse hinaus die Lebensqualität des Pferdes zu verbessern – sowohl körperlich als auch psychisch – indem Haltung und Umgang an das jeweilige Individuum angepasst werden.
Ein bewusster Umgang statt starrer Konzepte
Zwischen „artgerecht“ und „tiergerecht“ besteht kein Widerspruch, sondern ein notwendiges Gleichgewicht.
Die artgerechte Haltung bildet die Grundlage.
Die tiergerechte Haltung stellt sicher, dass diese Grundlage individuell für jedes Pferd sinnvoll umgesetzt wird.
Dies bedeutet auch, dass in bestimmten Fällen Maßnahmen wie ein spezielles Hufmanagement, therapeutische Unterstützung oder der Einsatz von Decken und anderen Materialien sinnvoll sein können, wenn sie zum Wohlbefinden des Pferdes beitragen.
Entscheidend ist dabei, dass solche Entscheidungen immer vom Pferd selbst ausgehen und nicht von menschlicher Bequemlichkeit, Gewohnheit oder dem, was andere tun.
Verantwortungsvolle Haltung bedeutet nicht, die Natur strikt zu kopieren, sondern das Pferd in seinen tatsächlichen Bedürfnissen zu unterstützen, denn wir streben keine natürliche Selektion für unsere Pferde an.
Daher ist es wichtiger denn je, genau hinzusehen und zu fragen:
Was braucht dieses Pferd in seiner aktuellen Situation?
Beobachtung als Schlüssel
Um wirklich tiergerecht zu handeln, braucht es vor allem eines: die Fähigkeit, das eigene Pferd genau zu beobachten und ehrlich einzuschätzen.
Zeigt ein Pferd Anzeichen von Stress in der Gruppe?
Kommt es ausreichend zur Ruhe?
Kann es entspannt fressen und sich frei bewegen?
Solche Fragen sind entscheidend – denn nicht das Haltungssystem an sich bestimmt das Wohlbefinden, sondern wie das Pferd darin zurechtkommt.
Tiergerechte Haltung bedeutet daher auch, bereit zu sein, Lösungen immer wieder zu hinterfragen und anzupassen. Was für ein Pferd gut funktioniert, kann für ein anderes ungeeignet sein.
Autorin: Lynn Kirsch http://www.soleiftri.com


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